Peter Petersen - beim Wort genommen

Erst auf Grund der vorgeschichtlichen Zusammenhänge lässt sich vollständig abklären, ob eine Theorie oder ein Schulmodell in die Gegenwart und in die Zukunft hinein wirken kann und soll. Eine Schulkonzeption darf also nicht allein an ihrem Gegenwarts- und Zukunftsbezug überprüft werden; sie muss auch vor der Tradition Bestand haben. Andernfalls wäre sie einer Seifenblase vergleichbar, die schnell anschwillt und nach kurzem Fluge wieder zerplatzt. (Dietrich, Theo: Die Vorgeschichte des Jena-Plans – nationale und internationale Einflüsse. In: Salzmann, Christian (Hrsg.): Die Sprache der Reformpädagogik als Problem ihrer Reaktualisierung. Dargestellt am Beispiel von Peter Petersen und Adolf Reichwein. Heinsberg 1987)

Harald Eichelberger

Peter Petersen – beim Wort genommen

Jede pädagogische Theorie will das pädagogische Handeln der jeweiligen Gegenwart mitbestimmen und zugleich Anweisungen für die Zukunft geben.

Jede Theorie steht in einem Traditionszusammenhang. Das gilt gleichermaßen auch für Schulmodelle.

 

Erst auf Grund der vorgeschichtlichen Zusammenhänge lässt sich vollständig abklären, ob eine Theorie oder ein Schulmodell in die Gegenwart und in die Zukunft hinein wirken kann und soll. Eine Schulkonzeption darf also nicht allein an ihrem Gegenwarts- und Zukunftsbezug überprüft werden; sie muss auch vor der Tradition Bestand haben. Andernfalls wäre sie einer Seifenblase vergleichbar, die schnell anschwillt und nach kurzem Fluge wieder zerplatzt.[1]

In diesem Sinne befragen wir den Jena-Plan von Peter Petersen auf seine Vorgeschichte und behandeln von hier aus das Problem der Möglichkeit seiner Reaktualisierung.

Zielsetzung des Jena-Plans. Beziehungen zur Reformpädagogik und zur Zeitgeschichte

Peter Petersen geht es mit seinem Schulkonzept nach dem Jena-Plan um die Erziehung des ganzen Menschen und nicht um die Ausbildung von Teilfunktionen. Daher stellt sich Peter Petersen vor und mit dem Beginn seines Schulversuches die Grundfrage:

„Wie soll die Erziehungsgemeinschaft beschaffen sein, in der und durch die ein Mensch seine Individualität und Persönlichkeit vollenden kann?“[2]

Die Antwort ist der Grundriss einer Schule, der die Verwirklichung der „Idee der Erziehung“ sowie den Aufbau von Erziehungsgemeinschaften ermöglicht. Dies hat zur Folge:

  1. Aufgabe des überlieferten Jahrgangsklassensystems zugunsten des „Stammgruppensystems“; die Stammgruppe umfasst in der Regel drei Altersjahrgänge (mit Begriffen von Petersen: Lehrlinge, Gesellen und Meisten).
  2. Aufgabe des überlieferten Stundenplans („Fetzenstundenplan“) zugunsten des „Wochenarbeitsplanes“; er richtet sich nach den „Urformen der Bildung“ (Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier).
  3. Einbettung des Unterrichts in das „Schul- und Unterrichtsleben“; im Mittelpunkt des Schullebens steht die Bewältigung von „Lebenssituationen“ unter pädagogischem Aspekt.
  4. Stellung des Lehrers als eines „Führers“ von Kindern und Jugendlichen; der Lehrer als Führer ist konstitutiv für seine Gruppe. „Im Gegensatz zur überlieferten Schule muss er hier Führer sein oder alles bricht zusammen.[3] „Führer sein“ heißt: Autorität als zwischenmenschliches Verhältnis auf der Grundlage des Vertrauens aufbauen und besitzen – und nicht: Herrschaft und Macht ausüben.

Diese vier Prinzipien sichern den Vorrang der Erziehungsidee vor dem Unterricht im Sinne des „Einlernens“ und der Wissensvermittlung und -aufnahme. Sie machen zugleich deutlich, dass in dieser Arbeits- und Lebensgemeinschaftsschule, wie Peter Petersen seine Schule auf bezeichnet, das Prinzip der „Ordnung“ dominiert. Peter Petersen betont die „Führung des Unterrichts“ und die „Führung im Unterricht“ und weist mit Nachdruck auf die Bedeutung und die Notwendigkeit der „Vorordnungen des Unterrichts“ hin.[4] Das alles zeigt, dass Peter Petersen und seine Schule nicht jener Richtung der Reformpädagogik zuzurechnen ist, die vom „Wachsenlassen“ und von der unumschränkten Selbststeuerung des Kindes ausgeht.[5]

Trotz dieser Abgrenzung hat der Jena-Plan seine Vorgeschichte in der deutschen und internationalen Reformpädagogik. Symptomatisch für alle reformpädagogischen Richtungen und für einzelne Vertreter sind die folgenden drei Prinzipien:

  1. Orientierung am Kind;
  2. Das Prinzip der Selbsttätigkeit, Kreativität und Produktivität und
  3. Der „pädagogische Bezug“ im Sinne einer persönlichen Zuwendung des Erwachsenen (Lehrers, Erziehers) zum Schüler.

Die vier  Hauptprinzipien des Jena-Plans und deren Vorgeschichte

Die Jena-Plan-Schule beruht auf den Prinzipien:

  1. Gemeinsame Erziehung aller Kindes des Volkes bis zum 10. Schuljahr.
  2. Gemeinschaftserziehung.
  3. Schul- und Unterrichtsleben.
  4. Schulgemeinde.

Ad a)  Gemeinsame Erziehung

Peter Petersen hat seine Schule als zehnjährige „freie, allgemeine Volksschule“ geplant.

„Allgemeine Schule ist sie insofern, als sie Kinder beiden Geschlechts, jeden Standes und Bekenntnisses, jeder Begabung vereinigt, und das solange als möglich, am liebsten zehn Schuljahre.“[6]

Ad b) Gemeinschaftserziehung

Die „Stammgruppen“ und die „Tischgruppen“ innerhalb der Stammgruppen lassen „echte Gemeinschaften frei entstehen“, und dadurch reichen wir in der Schule ... heran an die wahre Erziehung, wie sie zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur als reines Geistwirken absichtslos geschieht.“[7]

Erziehung geschieht hier „funktional“, sie ist in diesem Sinne „Tathandlung“ (Pestalozzi) am anderen Menschen; sie vollzieht sich nicht im Reden über wünschenswertes Tun oder im „Maulbrauchen“ (Pestalozzi). Gemeinschaftliche Beziehungen zeichnen aber nicht nur das Zusammenleben und –arbeiten der Schüler untereinander aus, sondern auch das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und dieser zu den Eltern.

„Während die vergangene Zeit ihre Aufgabe darin sah, die Jugend zu tüchtigen Einzelmenschen zu erziehen, hat sich die Schule der neuen Erziehung die Bildung des Gemeinschaftswillens zum Ziel gesetzt.“[8]

„Die Idee der Erziehungsgemeinschaft wird oberste, alles Geschehen innerhalb der Schulgemeinde letzthin normierende Idee.“[9]

Die Begründung dieser Aussage beruht auf Peter Petersens Auffassung über den Menschen, nämlich dass der Mensch des anderen bedarf, um Mensch zu werden. Der Mensch ist von seiner anthropologischen Bestimmung her Mit-Mensch; er braucht den anderen, um ein Selbst werden zu können. In diesem Sinne schreibt Peter Petersen bereits 1924:

„Wir werden erst am anderen unser selbst inne, leben nicht mit ihm, sondern leben an ihm erst auf ... Wir müssen es voll und ganz begreifen, dass fremdes Seelenleben vom Ursprung her unsere Seele nährt, dass wir auf Gemeinsamkeiten und aus Gemeinsamkeiten leben, und dass wir erst schöpferisch werden in dem Augenblick, wo das fremde Seelenleben auf uns einwirkt. Und da dies vom ersten Atemzuge an geschieht, so steht demnach jeder Mensch vom Ursprung her auf Gemeinschaft.“[10]

Innerhalb der Gemeinschaft geschieht und wirkt Erziehung als „kosmische Funktion“; sie zielt auf Vergeistigung und Humanisierung des Menschen.[11]

Diese Aussage zeigt, dass die Gemeinschaft auf einer humanen Ethik beruht, und dass in ihr eine humane Ethik entsteht und gelebt wird. Andernfalls existiert für Peter Petersen eben gar keine Gemeinschaft.

Zu c) Schul- und Unterrichtsleben

Peter Petersen hat die Unterrichtsräume für die Stammgruppen von Schülern zur Schulwohnstube umgestalten lassen. Er entwickelte also neben dem Familienleben ein Schul- und Unterrichtsleben und ordnete den Unterricht darin ein.

„Eine Folge des recht vorgeordneten Schullebens ist es, dass es inmitten dieses Wohnstubenlebens zu echten Tätigkeitsformen kommt. Man sieht die Kinder in ihren besonderen Aufgaben tätig vertieft, so dass sie auch nicht von den sich bewegenden und fragenden Mitschülern gestört werden. Entscheidender aber wird, dass es so wirklich zu erziehlichen Einflüssen kommt, dass wir in den Schulen, die doch Kunstformen sind und Stätten, in die die Jugend gezwungen wird infolge des staatlichen Schulzwanges, dennoch Kräfte und Formen der wahren Erziehungswirklichkeit erhalten und in Dienst nehmen können.“[12]

Das Prinzip, dass sich innerhalb der Tätigkeitsformen in der Schulwohnstube Erziehung ereignet, ist originär nicht von Peter Petersen formuliert worden. Als erster hat Friedrich Fröbel dieses Prinzip formuliert. Er forderte die innige Verbindung, die „Einigung“ der Schule mit dem Leben. Die Schule soll dem Leben dienen, und dieses geschieht vornehmlich durch „Einigung des Familien- und Unterrichtslebens“. Familie und Unterricht und Schule sollen eine Einheit bilden.[13]

Die Menschenbildung bedarf also primär einer Schule, die – wie Peter Petersen aufbauend auf die Gedankengänge Friedrich Fröbels sagt – „echte Familienschule“ ist.[14]

Zu d) „Schulgemeinde

Peter Petersen will eine Schulgemeinde bilden, eine Gemeinschaft bestehend aus Erziehern, Eltern und Schülern. Diese drei Personengruppen wirken an der Erziehung des Kindes zusammen, und „der Schulunterricht soll sich immer als das Zweite“ (in die Schulgemeinde) einordnen.[15] Die Schulgemeinde soll mitten im „Volksleben ihres Standortes“ stehen und ein Schulgemeindeleben entwickeln.[16] Auch dieses Prinzip zeigt, dass die Erziehungsidee den Unterricht umgreift, dass die Eltern in die Verantwortung für die Schule einbezogen werden, und dass die Schule in der Vorstellung Peter Petersens in erster Linie Gemeindeschule, d. h. Gemeinschaftsschule und nicht Staatsschule ist. Gemeindeschule meint letztlich eine Schule, die einer ganzen Gemeinde, nämlich der Allgemeinheit gehört, an der alle Bürger teilhaben und für die alle verantwortlich sind.

Die Eigenständigkeit der Konzeption der Jena-Plan-Schule

-      In der Reformpädagogik sind zwei kongeniale Richtungen zu differenzieren: die „Pädagogik vom Kinde aus“ und die so genannte „Arbeitsschule“. Nach Theo Dietrich liegen dem Jena-Plan als einziger reformpädagogischer Richtung beide Prinzipien zugrunde. Er gibt dem Kind Freiheit dort, wo es aus eigenen Kräften heraus seinen Weg findet, und er führt das Kind aus pädagogischer Verantwort dort heraus, wo die Kräfte des Kindes versagen, oder das Kind verkehrte Wege einschlägt oder abirrt.[17]

-      Die Auffassung Peter Petersens beruht, wie er selbst sagt auf einer realistischen Menschenbildung (nicht auf einem Menschenbild von „guten“ oder „schlechten“ Menschen. Nach Peter Petersen bedeutet dies, der Mensch besitzt „existentielles Sein“; er ist herausgetreten aus der Natur und ist dadurch der „erste Freigelassene der Schöpfung“. Mit dieser unfestgelegten Existenzweise muss der Mensch von der Geburt bis zum Tode Situationen bewältigen, also Stellung nehmen – so oder so.

„ ... einzig und allein bei tätiger Bewährung in den vielschichtigen und natürlichen zwischenmenschlichen Beziehungen reift ein Mensch zu einem sittlichen Wesen, reift seine sittliche Kraft.“[18]

 

 



[1]      Dietrich, Theo: Die Vorgeschichte des Jena-Plans – nationale und internationale Einflüsse.

           In: Salzmann, Christian (Hrsg.): Die Sprache der Reformpädagogik als Problem ihrer Reaktualisierung.

           Dargestellt am Beispiel von Peter Petersen und Adolf Reichwein. Heinsberg 1987, S. 129.

[2]      Petersen, Peter: Der Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule, (1927) 18./20. Auflage, Weinheim 1951; S. 7.

[3]      Petersen, Peter: Führungslehre des Unterrichts, (1937), 3. Auflage, Hannover 1951, S. 22.

[4]      Petersen, (1937) 1951; 2, 43ff., 66ff.

[5]      Vgl. Dietrich, Theo: Die Vorgeschichte des Jena-Plans – nationale und internationale Einflüsse.a.a.O., S.131.

[6]      Petersen, (1927) 1951; 13.

[7]      Petersen, (1927) 1951; 11.

[8]      Petersen, (1937) 1951; 50.

[9]      Petersen, (1927) 1951; 10.

[10]     Petersen, 1927; 27.

[11]     Vgl. Petersen, (1927) 1951; 9.

[12]     Petersen, (1937) 1951; 80.

[13]     Vgl. Fröbel, Friedrich: Menschenerziehung. 1826; § 86. Neu herausgegeben von Zimmermann, Leipzig 1913.

[14]     Vgl. Petersen, (1927) 1951; 21.

[15]     Vgl. Petersen, (1927) 1951; 8.

[16]     Petersen, (1937) 1951; 43;77.

[17]     Dietrich, Theo: Die Vorgeschichte des Jena-Plans – nationale und internationale Einflüsse. a.a.O., S. 150.

[18]     Petersen, Peter: Der Mensch in der Erziehungswirklichkeit, Mühlheim/Ruhr 1954, S. 41.