Montessori-Erziehung und ihre didaktischen Auswirkungen auf Kinder im Alter von 0 – 6 Jahren

"Das große Problem der Erziehung beruht demnach auf der Achtung vor der Persönlichkeit des Kindes und auf dem Bestreben, deren natürlichen Tätigkeitstrieb frei walten zu lassen, statt ihn unterdrücken und beherrschen zu wollen."
Maria Montessori   

Maria Montessori hat deutlich Stellung bezogen mit ihrer Sicht des sich entwickelnden Kindes. Sie hat scharf beobachtet, wie Kinder sich entwickeln und welche Bedürfnisse zu welchem Alter gehören. Sie betrachtet Erziehung und Unterricht als eine zusammengehörige Einheit. Der Unterricht ist ein Teil der Erziehung! Falls dies vielleicht als selbstverständlich erscheint, so sieht man in der Praxis oft ganz anderes.

Glaser, Ria: Montessori-Erziehung. In: Eichelberger, Harald: Lebendige Reformpädagogik. Innbruck 1997. StudienVerlag

Ria Glaser

Montessori-Erziehung und ihre didaktischen Auswirkungen auf Kinder im Alter von 0 – 6 Jahren

Das große Problem der Erziehung beruht demnach auf der Achtung vor der Persönlichkeit des Kindes und auf dem Bestreben, deren natürlichen Tätigkeitstrieb frei walten zu lassen, statt ihn unterdrücken und beherrschen zu wollen.

Maria Montessori

Ich will ausdrücklich über die Erziehung von Kindern dieser Altersstufe sprechen, weil uns Maria Montessori ganz besonders auf die Wichtigkeit der Erziehung von Kleinkindern aufmerksam gemacht hat.

Das Alter von 0 – 6 Jahren ist von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklung des weiteren Lebens.

Meine Ausführungen sind folgendermaßen aufgebaut:

Wie sieht Maria Montessori die Entwicklung des Kindes?

Wie kann der Erzieher das Kind während seiner Entwicklung begleiten, bzw. erziehen?

Welche Rolle kann dabei der Unterricht spielen? Wie und wo schließt er an? Inwiefern sind Entwicklung, Erziehung und Unterricht eine Einheit und sollten als solche betrachtet werden?

Über Montessori-Pädagogik gibt es verschiedene Meinungen. Ich möchte diese gerne verdeutlichen anhand einiger Bemerkungen von Studierenden der Pädagogischen Akademie während einer ersten Vorlesung über die Pädagogin Maria Montessori.

Einige Beispiele:

Die Montessorischule? Ist das nicht eine Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten? Sie bekommen dort doch individuellen Unterricht?

Ach ja, das ist die Schule, in der die Kinder tun dürfen, was sie wollen!


Montessori-Unterricht? Meine eigenen Kinder würde ich nicht dorthin schicken. Sie dürfen mit dem Entwicklungsmaterial nur das tun, wofür es bestimmt ist und nichts anderes.

Es erscheint mir angenehm, als Lehrer an so einer Schule zu arbeiten. Man kann viel mehr vom Kind ausgehen als von der Methode.

Diese und ähnliche Bemerkungen sagen alle etwas über die Erziehung, beziehungsweise den Unterricht nach Montessori aus.

Maria Montessori hat deutlich Stellung bezogen mit ihrer Sicht des sich entwickelnden Kindes. Sie hat scharf beobachtet, wie Kinder sich entwickeln und welche Bedürfnisse zu welchem Alter gehören. Sie betrachtet Erziehung und Unterricht als eine zusammengehörige Einheit. Der Unterricht ist ein Teil der Erziehung! Falls dies vielleicht als selbstverständlich erscheint, so sieht man in der Praxis oft ganz anderes.

Erst wird eine Unterrichtsmethode festgelegt, die Erziehung muss sich dann eben anpassen. Ein Beispiel: Kinder werden im Unterricht mit Bildern belohnt, wenn sie eine Aufgabe gemacht haben. „Die Aufgabe gemacht haben“ steht somit im Mittelpunkt. Ob das Belohnen mit Bildern ein gutes oder schlechtes Erziehungs­mittel ist, ist nicht mehr von Bedeutung.[1]

Eine Pädagogik der Entwicklung

Doch zurück zu Maria Montessoris Erkenntnissen über das sich entwickelnden Kind sowie zur Frage, wie der Erzieher das Kind während seiner Entwicklung begleiten kann.

In der Entwicklung unterscheidet Montessori drei Phasen: die von 0 bis 6 Jahren, von 6 bis 12 Jahren und die Phase von 12 bis 18 Jahren.

Die Phase von 0 bis 6 Jahren verläuft in zwei Abschnitten: 0 bis 3 und 3 bis 6 Jahre. In den drei ersten Lebensjahren nimmt das Kind Informationen unbewusst auf. Maria Montessori spricht vom „absorbierenden Geist“ des Kindes. In Bezug auf seine Persönlichkeitsentwicklung strebt das Kind schon in dieser Zeit nach einem Stückchen Unabhängigkeit. Es will selbständig essen, selbst etwas tragen oder sich selbst an- und ausziehen.

Erzieher müssen Kinder darin bestärken und nicht bremsen. Das erfordert viel Geduld. Selbständig einen Becher Milch einzuschenken, kann zum Beispiel auch daneben gehen. In dieser Phase sehen wir eine der ersten bewussten Handlungen auf dem Weg zur Unabhängigkeit: Das Kind verwehrt sich nämlich gegen diejenigen, die ihm helfen wollen! „Alleine machen“ ist oft die Antwort des Kleinkindes.

Während der Phase von 3 bis 6 Jahren nimmt das Kind Eindrücke bewusst auf und ordnet sie. Das Kind nimmt die Welt zuerst untersuchend mit seinen Händen wahr, danach entwickelt sich sein Wille (von 0 bis 3 Jahren sprechen wir von „vitalem Drang“).

Das Kind sucht Unabhängigkeit von Körper und Geist der anderen. Es muss Erfahrungen machen, um eigenes Wissen zu erwerben.

Maria Montessori sieht Kinder als Wesen, die ständig versuchen, Ordnung in das anfängliche Chaos von Erfahrungen zu bringen. Das braucht man Kinder nicht zu lehren. Ein Kind, das frei gelassen wird, tut das von selbst.

Eigentlich sagt das Kind: „Es interessiert mich nicht, was du weißt, ich will es selbst erfahren.“ Um dies zu ermöglichen, sorgt der Erzieher oder der Lehrer für ein Umfeld, das an diese innerlichen Bedürfnisse anschließt. Montessori nennt dies „das vorbereitete Umfeld“. In diesem Umfeld müssen Kinder sich wohl fühlen. Alles hat einen festen Platz und alles ist für Kinder zugänglich. Das vorbereitete Umfeld gibt den Inhalt des Unterrichts an, es ist richtungsweisend und es bestimmt, was ein Kind sich zu eigen machen kann.

Entsprechend den Entwicklungsschritten des Kindes ist das vorbereitete Umfeld sehr unterschiedlich. Es wird damit beabsichtigt, dass das Kind ein stets größeres Maß an Selbständigkeit erreicht und auch gleichzeitig mehr Verantwortung tragen lernt. In jeder Phase muss das Kind das Maß von Selbständigkeit erwerben können, das innerhalb seiner Möglichkeiten liegt.

Maria Montessori sagt darüber Folgendes: „Das vorbereitete Umfeld ist ständig der Funke, der das innere Leben entzündet, das Umfeld entwickelt Neues und dadurch erwacht Interesse und entsteht Intuition, die zusammen den Fortschritt in der Entwicklung bilden.“

Innerhalb des vorbereiteten Umfelds kann das Kind frei wählen und sich frei bewegen. Das fördert die Konzentration, weil Kinder dann aus einer inneren Motivation arbeiten.

Die Entwicklungsmaterialien sind ein Teil des vorbereiteten Umfeldes. Vor­aussetzung dabei ist, dass die Arbeit mit diesen Materialien eine spontane Aktivität des Kindes bleibt und dass die Kinder durch Handeln lernen. Kopf und Hände arbeiten zusammen.

Auch der Erwachsene ist ein Teil des vorbereiteten Umfeldes. Er beobachtet sorgfältig und bietet seine Hilfe an – und das nicht nur, wenn das Kind konkret darum fragt. Das würde nämlich ein Unterricht sein, der zu sehr dem Kind folgt.

Die Frage aus der Pädagogik „Führen oder Wachsen lassen“ ist allgemein bekannt. Viele denken, dass Montessori-Unterricht vom Wachsenlassen ausgeht. Zum Teil ist das auch so. Maria Montessoris Konzept basiert auf der Theorie vom natürlichen Reifungsprozess, aber daneben ist die Rolle des Erziehers bestimmend. Er sorgt mit Hilfe des vorbereiteten Umfelds und im Gespräch mit den Kindern dafür, dass sie eingeführt werden in die Bedeutungen der Umwelt.

Konkret bedeutet das, dass der Lehrer immer wieder versuchen wird, das Kind vor neue Aufgaben zu stellen. Er wird Kinder zu selbständigem Denken und Handeln anregen, indem er bestimmte Materialien in das Umfeld einbringt. Dadurch wird das Kind neugierig und möchte mehr darüber wissen. Der Lehrer stimuliert das Kind, sich neue Denkweisen anzueignen und öffnet ihm neue Wege. Diese Art zu unterrichten stimmt überein mit der russischen Lehrpsychologie von Vygotsky.

Ich möchte dazu ein Beispiel anführen:

Wenn ein Kind den Lehrer bittet, ihm einen Fisch zu zeichnen, dann kann dieser wählen zwischen einem ganz einfachen und einem komplizierten Fisch. Der komplizierte Fisch macht das Kind neugierig und regt zu Fragen an.

Maria Montessori nennt dies: „Anregen zum Leben, aber das Leben doch frei lassen in seiner Entwicklung.“

Im vorbereiteten Umfeld sind die Materialien in ihrer Anzahl beschränkt, es gibt zum Beispiel nur einen rosa Turm. Durch die Beschränkung bleibt alles übersichtlich und das hilft dem Kind, Ordnung in seinen Geist zu bringen. Die Beschränkung des Materials hat auch eine soziale Bedeutung. Das Kind lernt nämlich, zu warten. Angenommen, es wollte den rosa Turm wählen, aber ein anderes Kind hat ihn schon ausgesucht, dann muss es sich anpassen und eine neue Wahl treffen. Gleichzeitig erfährt das Kind, dass das Material zwar für alle Kinder bestimmt ist, dass aber nicht alle gleichzeitig darüber verfügen können. Hinnahme, Geduld und Toleranz sind wichtige erzieherische Prinzipien, die hier geübt werden.

Das vorbereitete Umfeld ist also sehr wesentlich für den Montessori-Unterricht. Darum habe ich dies auch ausführlich behandelt.

Aber nun wieder zurück zur Entwicklungsphase der drei- bis sechsjährigen Kinder. Es ist selbstverständlich, dass der Unterricht während dieser Phase für ein Umfeld sorgen muss, das angepasst ist an die speziellen Bedürfnisse der Kinder dieses Alters.

Welche wichtigen Bedürfnisse haben drei- bis sechsjährige Kinder?

Ausgehend vom Bedürfnis, mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu ordnen, ist Material vorhanden, das abstrakte Begriffe konkret macht. Zum Beispiel Material zum Ordnen von groß nach klein oder von lang nach kurz. Die Ordnung der Denkbilder ist später die Basis, um Zusammenhänge, Regelmäßigkeiten und Verbindungen zu erkennen. Das Kind bekommt Einsicht in fundamentale und allgemeine Prinzipien.

Kleinkinder haben auch ein großes Bewegungsbedürfnis und brauchen darum in dieser Phase viel Bewegungsraum und Bewegungsfreiheit.

Ein drittes, wichtiges Bedürfnis in diesem Alter ist das Bedürfnis, Wörter zu lernen. Neben verschiedensten Sprachaktivitäten werden auch sogenannte Namenstunden gegeben. Der Lehrer macht das aber erst, wenn das Kind schon viele Erfahrungen über die Sinne aufbauen konnte. Der Name ist eigentlich nur noch die Benennung der Sinneswahrnehmung. Man sieht dann auch, dass Kinder sehr schnell viele neue Wörter lernen, wie zum Beispiel Licht, grün, Ellipse oder Pyramide.

Durch Beobachtung der Kleinkinder wurde es für Maria Montessori deutlich, dass auch sie Material zum Schreiben-, Lesen- und Zählenlernen nötig hatten. In der Montessorischule sieht man daher auch für die Kindergarten- und Vorschulkinder Material zum Lernen von Buchstaben, zum Zusammenstellen von Wörtern und zum Schreiben. Auch ist Material vorhanden, womit die jungen Kinder zählenderweise Einsicht in Zahlenstrukturen bekommen können. Diese Materialien entsprechen der Art und Weise, wie junge Kinder Kenntnisse erwerben, nämlich durch Handeln und durch sinnliche Wahrnehmung.

Es finden also viele verschiedene Aktivitäten gleichzeitig statt. Die Stimmung in der Klasse ist ruhig und je länger die Kinder in der Schule sind, desto öfter sieht man, dass sie sich selbst Aufgaben stellen. Das Kind leistet sozusagen seinem eigenen Willen Gehorsam. Es passiert regelmäßig, dass ein Kind gleich am Morgen, wenn es in die Klasse kommt, verkündet, woran es arbeiten will.

Freiheit in der Erziehung

Ich sagte schon früher, dass ein Kind alles selbst erfahren und selbst entdecken will – es will selbst wissen.

Wenn ein Erzieher begreift, was das bedeutet, dann kann er den Kindern auch Freiheit dazu geben. Das heißt also, dass Freiheit die Voraussetzung für Entwicklung ist.

Was bedeutet nun dieser Begriff in der Praxis? Maria Montessori sagt darüber: „Niemand kann frei sein, ohne selbständig zu sein. Wenn wir klare Denkbilder besitzen und die Fähigkeit haben, Entscheidungen zu treffen, gibt uns das ein Gefühl von Freiheit. Wir sind dadurch nämlich nicht von anderen abhängig.“

Wie entsteht Freiheit in der Erziehung? Auf diese Frage gibt Maria Montessori eine einfache Antwort. „Freiheit entsteht, indem man Beschränkungen wegnimmt und dadurch Möglichkeiten schafft, in denen das Kind Erfahrungen gewinnen kann durch selbständiges Arbeiten.“

Sie sagt: „Gerade in Freiheit kommen die intellektuellen Möglichkeiten eines Kindes zu ihrem Recht.“ Maria Montessori denkt nämlich, dass bei der intellektuellen Entwicklung von Menschen genau so eine Wachstumskraft vorhanden ist wie bei der motorischen Entwicklung. Man unterrichtet ein Kind auch nicht in Stehen, Gehen oder ähnlichem. Das wird aus einem innerlichen Drang erlernt.

Wenn ein Kind in Freiheit arbeitet, erfährt es, dass es Hindernisse überwinden kann. Dies fördert wiederum das Kompetenzgefühl. Kompetent sein gibt dem Kind das Gefühl, dass es imstande ist, etwas zu lernen. Dieses Gefühl ist eine wichtige Voraussetzung zum Lernen.

Welche Freiheiten bietet der Montessori-Unterricht? Er bietet

freie Arbeitswahl, freie Arbeitsdauer, freies Arbeitstempo, freie Arbeitsfolge undFreiheit zur Selbstkontrolle.

Die Schüler dürfen selbst ihre Arbeiten kontrollieren. Für die älteren Kinder gibt es Kontrollkarten Für jüngere Kinder ist eine Fehlerkontrolle im Entwicklungs­material eingebaut.

Freiheit heißt also nicht: Tun was man will, sondern: Wollen was man tut. „Tun was man will“ würde Verwahrlosung der Persönlichkeit zur Folge haben. „Wollen was man tut“ bedeutet: Disziplin akzeptieren als ein Mittel, um soziale Erfahrungen machen zu können. Was ich damit meine, möchte ich gerne mit einem Beispiel aus früherer eigener Erfahrung verdeutlichen.

Meine Tochter Myra möchte gerne alleine mit dem Fahrrad von der Schule nach Hause fahren. Sie ist erst acht Jahre alt. Immer wieder bittet sie mich, doch alleine fahren zu dürfen. Meine erste Reaktion ist – o nein, das geht noch nicht. Ich komme nicht einmal auf den Gedanken, mit ihr darüber zu diskutieren.

Zwei Monate später macht sie wieder einen Versuch und behauptet, dass sie wirklich schon alleine fahren kann! Ich sage ihr, dass ich in der Tat glaube, dass sie es alleine kann, aber dass ich Angst habe, sie könnte einen Unfall haben.

Nach ein paar weiteren Wochen fragt Myra, ob sie nicht wenigstens ein einziges Mal alleine fahren dürfe. Mir ist nun deutlich, dass ich meine Angst überwinden und mein Kind loslassen muss. So treffe ich alle nur erdenklichen Vorsorgemaßnahmen: „Ist dein Rad in Ordnung, wirst du die Hand richtig ausstrecken, bleib stehen, bevor du die Straße überquerst, – “ und so weiter.

Dann ist für sie endlich der Tag gekommen, an dem sie alleine von der Schule nach Hause fahren darf. Ab drei Uhr Nachmittag (in Holland werden die Kinder aller Grundschulen zu dieser Zeit entlassen) dauert jede Minute für mich besonders lang. Ich gehe die ganze Zeit vor dem Küchenfenster hin und her, nach einer Viertelstunde kommt sie an. Triumphierend sitzt sie auf ihrem Rad und winkt mir so nebenbei. Sie stellt ihr Rad in die Garage, was sie ansonsten meistens vergisst. Ich laufe ihr entgegen und sage: „Ich gratuliere dir Myra, du bist zum ersten Mal alleine aus der Schule gekommen.“ Daraufhin sieht sie mich ein wenig von oben herab an und antwortet: „Ich gratuliere dir, dass du dich endlich getraut hast.“

Dieses Beispiel zeigt uns, dass Myra, weil sie mit dem Rad alleine nach Hause darf, beinahe selbstverständlich die dazugehörige Disziplin akzeptiert: in diesem Fall also die Straßenverkehrsregeln und die Hausregel, das Rad in die Garage zu stellen.

Im Montessori-Unterricht sehen wir dies immer wieder: Dort, wo Schüler die Freiheit bekommen, zu wählen und sich selbst Aufträge zu erteilen und diese dann so selbständig wie möglich ausführen, dort passen sie sich gerne den Regeln in ihrer Umgebung an.

Freiheit und Disziplin gehören somit zusammen

Ein Kind leistet Gehorsam an sein Inneres. Der Erzieher muss dies unterstützen – nicht durch Strafen oder Belohnen, sondern durch Gelegenheit zu Freiheit und Selbständigkeit.

Wenn Besucher zum ersten Mal in einer Montessorischule sind, sagen sie oft: „Die Schüler sind so ruhig, obwohl sie eigentlich relativ viel Freiheit haben.“ Diese Bemerkung macht deutlich, dass manche Erzieher davon ausgehen, dass Kinder mit Freiheit nicht oder fast nicht umgehen können. Aber das Gegenteil ist der Fall. In der Montessorischule gebrauchen die Schüler die Freiheit, um in Gehorsam gegenüber ihren inneren Kräften zu arbeiten. Freiheit und Disziplin gehen Hand in Hand!

Freiheit entsteht also, wenn Beschränkungen weggenommen werden. Ich möchte einige Beispiele von Beschränkungen nennen, die laut Maria Montessori (durch Erwachsene) auf Kinder übertragen werden können, indem der Erwachsene oft den Willen des Kindes seinem eigenen Willen unterordnen will. Ein Kind will zum Beispiel die Welt entdecken und alles angreifen. Wenn der Erwachsene ständig sagt: „nicht anfassen“, dann gibt es bald einen Kampf zwischen Kind und Erwachsenem. Besser wäre es, die Ursache des Streites wegzunehmen, das heißt, den Kindern, die viel angreifen wollen, dazu die Gelegenheit zu geben.

Beschränkungen sind aber auch Vorurteile und festgelegte Ansichten der Erzieher. Ein 4 – 5 jähriges Kind sei zum Beispiel noch viel zu jung, um Lesen und Schreiben zu lernen. Maria Montessori war zunächst auch dieser Meinung. Aber nachdem sie Kinder genau beobachtete und ihnen gut zuhörte, entdeckte sie, dass das Schreibenwollen eine Kraft war, die aus dem Kind selbst kam.

Viele Lehrer, Erzieher und Eltern denken noch immer, dass das frühe Lesen und Schreiben eine Folge der Montessori-Methode ist. Es wird noch immer Kritik geübt an dieser frühreifen intellektuellen Arbeit. Die Ursache dafür liegt aber darin, dass sich Erwachsene durch ihre Vorurteile selbst eine Barriere schaffen.

Wenn ein Kind während der Entwicklungsphase von 0 – 6 Jahren mit vielen Beschränkungen zu kämpfen hat, dann kann dies zu einem Problemverhalten führen. Wenn die spontanen Aktivitäten des Kindes zu sehr unterdrückt werden, oder von Erwachsenen zu strenge Forderungen gestellt werden, kann die Spannkraft zu eigenen Initiativen abnehmen und der Instinkt zur Selbsterziehung kann möglicherweise verloren gehen. Auch können Minderwertigkeitsgefühle entstehen, die ein negatives Selbstbild zur Folge haben.

Freiheit hat natürlich auch ihre Grenzen. Maria Montessori sagt darüber: „Im Chaos von Grenzenlosigkeit kann nichts bestehen.“ Die Grenze der Freiheit ist in der Montessorischule von allgemeinem Interesse. Es ist zum Beispiel ganz wichtig, dass man einander bei der Arbeit nicht stört. Auch gibt es bestimmte Regeln zum Gebrauch von Entwicklungsmaterial.

Wann kann man von einer gesunden Entwicklung sprechen? Dann, wenn das Kind Verhaltensweisen zeigt, die aus seinen inneren Bedürfnissen kommen. Maria Montessori spricht vom „normalisierten Verhalten“. Das Kind fühlt sich nicht gehindert durch seine Umgebung. Es wählt selbst seine Arbeit, arbeitet konzentriert, besitzt Selbstdisziplin und verhält sich sozial. Es anerkennt und lobt die Arbeit anderer.

Selbstbestimmung

In der Pädagogik kennen wir den Begriff „Selbstverantwortliche Selbst­bestimmung. Dieses pädagogische Streben betrachte ich als den roten Faden in der Montessori-Pädagogik.

Auf den drei folgenden Gebieten kann das Kind die selbstverantwortliche Selbstbestimmung üben.

Das Gebiet des Verstandes oder des kognitiven Denkens

Lernen und denken kann nur durch das Kind selbst geschehen. Der Erwachsene spielt dabei dann eine Rolle als Mittelsmann zwischen Material oder Handlungen und dem Kind, das Kenntnis erwirbt, diese Kenntnis reflektiert und daraus Einsicht erwirbt.

Das Material ist einladend und herausfordernd. Es ist so aufgebaut, dass das Kind damit Erfolg haben kann. Dieses Erfolgserlebnis ist eine der drei wichtigsten Grundbedürfnisse des Kindes. Wie ich schon früher sagte, gibt Erfolg den Kindern ein Gefühl von Kompetenz, das Gefühl „ich kann etwas“. Durch Erfolgserlebnisse gewinnt das Kind Selbstvertrauen, seine Motivation nimmt zu und es verliert nicht den Spaß am Lernen.

Ein Beispiel:

Kinder von zweieinhalb bis vier oder fünf Jahren wählen aus dem Materialangebot gerne Zylinderblöcke zum Spielen und Lernen.

Was glauben Sie? Wie viele verschiedene Unterrichtseinheiten kann ich damit den Kindern geben? Zwei, fünf, zehn oder fünfzehn?

Ohne Begleitung wird das kleine Kind die Blöcke vor allem herausholen und wieder hinein tun. Nach vielen Wiederholungen dieser Übung ist die Spannung aus dem Material und dann wird das Kind dieses Material nicht mehr wählen. Aber als Lehrer weiß ich, dass ich mit diesem Material sicher fünfzehn verschiedene Unterrichtseinheiten geben kann. Es sind kleine Schritte, wobei das Kind stets ein Erfolgserlebnis hat. Das vergrößert sein Selbstvertrauen, und hierdurch wagt es sich wieder an neue Schwierigkeiten.

Das Gebiet des Handelns und/oder die Kreativität

Es ist nichts im Geist, was nicht erst mit den Sinnen wahrgenommen wurde. Darum gibt es in der Montessori-Methode so viel Material, womit die Sinne der Kinder angesprochen werden. Es werden nicht nur Sehen und Hören stimuliert, sondern auch das Tasten, das Schmecken und Riechen. Durch das Wahrnehmen von Gewicht und das Fühlen und Erkennen von Figuren (stereognostische Sinne) übt das Kind mehrere Sinneswerkzeuge.

Das Gebiet der Freiheit

Frei ist derjenige, der erkennen, beurteilen und beschließen kann, ohne dabei abhängig zu sein. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass der Montessori­-Unterricht während der Arbeit dem Kind verschiedene Freiheiten bietet.

Der Lehrer, das Umfeld und das Material sind die Mittel, um dem Kind die „Selbstverantwortliche Selbstbestimmung“ zu ermöglichen. Darum möchte ich gerne einige Eigenschaften nennen, die laut Maria Montessori ein guter Lehrer haben sollte:

  • Er muss an das Kind glauben, das sich ihm öffnet.
  • Er muss sich verantwortlich fühlen für das Umfeld.
  • Er muss Interesse wecken. Maria Montessori nennt dies „Stimulieren zum Leben, aber das Leben frei lassen in seiner Entwicklung.“

In Ergänzung zum Beispiel vom Fische zeichnen möchte ich Ihnen gerne noch ein anderes geben.

Ich war auf Hausbesuch und die 6jährige Tochter erzählte ganz begeistert ihrer Mutter: „Mama, ich kann Opa und Oma schreiben,“ und sie schrieb die Wörter vor. Die Reaktion der Mutter war: „Ja, schön, aber du musst die Wörter aneinander schreiben.“ Das Kind war ein wenig enttäuscht und schrieb:

O P A

I I I

O M A

Der Lehrer, den Maria Montessori vor Augen hat, würde zusammen mit dem Kind begeistert sein und sagen: „Aber dann kannst du auch „Po“ oder „Mama“ oder „Papa“ oder „Omo“ und „am“ schreiben. Dies nennen wir heute „Entwickelnden Unterricht“, während die Reaktion der Mutter viel mehr „Programm gerichteter Unterricht“ ist.

Weitere Eigenschaften eines guten Lehrers sind:

  • Er stört das Kind nicht.
  • Er stellt sich in den Dienst des Kindes. Montessori meint damit, dass er dem Kind hilft, selbst zu wollen, selbst zu handeln und selbst zu denken.

Zusammenfassend möchte ich sagen:

Gib als Lehrer den Kindern die Möglichkeit, selbst zu erforschen und selbst zu entdecken und ermögliche ihnen, aktiv zu sein. Ein Kind will nicht nur empfangen, es ist kein passives Wesen, sondern viel mehr ein aktives Wesen. Dabei ist es sehr wichtig, dass der Erzieher darauf achtet, dass das Kind nicht vom ihm abhängig bleibt. Die Persönlichkeitsentwicklung steht im Mittelpunkt. Gerade durch die heutige unsichere Zukunftsperspektive ist es notwendig, dass der Erzieher sich auf die Persönlichkeit des Kindes konzentriert. Dies ermöglicht dem Kind, dass es später als Erwachsener die Gesellschaft, in der es lebt, begreift und ihre Spielregeln beherrscht.

Es gibt das Sprichwort. „Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen“.

Ich denke, dass ich im Sinne von Maria Montessori spreche, wenn ich dieses Sprichwort umdrehe.

Die Erziehung kleiner Kinder muss uns eine große Sorge und ein großes Anliegen sein. Kinder müssen mit viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit umgeben werden. Das Ergebnis dieser Erziehung werden dann unabhängige große Kinder sein, die freiere Menschen sind durch eine starke Persönlichkeit.

Die Rolle des Erziehers besteht darin, immer mehr in den Hintergrund zu treten und mit Stolz zu sehen, wie unsere Kinder wachsen in der Kunst, ihr eigenes Leben mit Weisheit zu regeln, auch dann, wenn sie einen Weg wählen, der anders ist als der Weg, den wir für sie ausgedacht haben!


Literatur

Esser, B., & Wilde, Chr., Montessori-Schulen, Zu Grundlagen und pädagogischer Praxis, Hamburg 1989

Helming, Helene, Montessori-Pädagogik, 5. Aufl., Freiburg 1978

Holtstiege, Hildegard, Maria und die reformpädagogische Bewegung, Freiburg 1986

Holtstiege, Hildegard, Modell Montessori, Freiburg 1986

Kramer, Rita, Maria Montessori, Biographie, Frankfurt am Main 1983

Montessori, Maria u.a., Die Selbsterziehung des Kindes, Berlin 1923

Montessori, Maria, Das kreative Kind. Der absorbierende Geist, hrsg. von: Oswald/Schulz-Benesch, Freiburg 1972

Montessori, Maria, Die Entdeckung des Kindes, hrsg. von: Oswald/Schulz-Benesch, Freiburg 1950

Montessori, Maria, Die Macht der Schwachen, hrsg. von: Oswald/Schulz-Benesch, Freiburg 1989

Montessori, Maria, Frieden und Erziehung. Die Bedeutung der Erziehung für die Verwirklichung des Friedens, hrsg. von: Oswald/Schulz-Benesch, Freiburg 1973

Montessori, Maria, Kinder sind anders, Stuttgart 1952

Montessori, Maria, Schule des Kindes, hrsg. von: Oswald/Schulz-Benesch, Freiburg 1979

Montessori, Maria, Spannungsfeld Kind – Gesellschaft – Welt, Freiburg 1979

Montessori, Mario, Erziehung zum Menschen, München 1987

Oswald, P. & Schulz-Benesch, G., Grundgedanken der Montessori-Pädagogik, Freiburg 1967

Scheid, Paul, Das Frankfurter Modell. In: Scheid & Weidlich, Beiträge zur Montessori-Pädagogik 1977, Stuttgart 1977

Scheid/Weidlich, Beiträge zur Montessori-Pädagogik 1977, Konzepte der Humanwissenschaft, Stuttgart 1977

 

Zur Autorin

Ria Glaser war Pädagogin an der Edith Stein Hogeschool in Hengelo (Niederlande) mit dem Schwerpunkt Montessori-Pädagogik und Leiterin der Montessori-Abteilung.

 


[1]     Eine nach Maria Montessori wahrscheinlich nicht akzeptierte Beeinflussung der für die Selbstbestimmung des Kindes notwendigen Freiheit (Anm. des Hg.)