Freinet-Techniken

Freinet entwickelte Unterrichtstechniken, für die die Erfahrungen der Kinder Ausgangspunkt für den Unterricht sind, durch die die Organisation des Klassengeschehens für die Kinder übersichtlich ist, so dass weitgehend Selbstbestimmung herrscht, innerhalb derer Kinder von den Erfahrungen anderer Kinder, von Erwachsenen, von anderen Kulturen usw. lernen können, wobei der Lehrer Tiefe und Struktur der Lernerfahrungen bestimmt.
Bei der Arbeit mit diesen Techniken geht es nicht darum, sie fehlerlos anzuwenden, sie sind vielmehr eine Folge von einer pädagogischen und gesellschaftlichen Einsicht in die Aufgaben des Unterrichts.
Welche Techniken man anwendet und auf welche Art man sie verwendet, ist abhängig von der Zeit, der Situation und den Möglichkeiten in der Klasse. Für „Freinetarbeiter“ ist dies ein ständiger Prozess des Suchens, der Enttäuschungen, der Kompromisse und der Erfolge. Ich gebe in der Folge eine kleinen Überblick über wesentliche Unterrichtstechniken aus der Perspektive meiner praktischen Er­fahrungen als Freinet-Pädagoge.

Jan Minnegal

Die Freinet-Techniken

Der Schlüssel zum Verständnis Freinets liegt im Begriff Laizität.

Das 20. Jahrhundert ist für ihn nicht nur das Jahrhundert des Kindes, sondern zugleich das Jahrhundert der laizistischen Idee“.

Célestin Freinet

Freinet entwickelte Unterrichtstechniken, für die die Erfahrungen der Kinder Ausgangspunkt für den Unterricht sind, durch die die Organisation des Klassengeschehens für die Kinder übersichtlich ist, so dass weitgehend Selbstbestimmung herrscht, innerhalb derer Kinder von den Erfahrungen anderer Kinder, von Erwachsenen, von anderen Kulturen usw. lernen können, wobei der Lehrer Tiefe und Struktur der Lernerfahrungen bestimmt.

Bei der Arbeit mit diesen Techniken geht es nicht darum, sie fehlerlos anzuwenden, sie sind vielmehr eine Folge von einer pädagogischen und gesellschaftlichen Einsicht in die Aufgaben des Unterrichts.

Welche Techniken man anwendet und auf welche Art man sie verwendet, ist abhängig von der Zeit, der Situation und den Möglichkeiten in der Klasse. Für „Freinetarbeiter“ ist dies ein ständiger Prozess des Suchens, der Enttäuschungen, der Kompromisse und der Erfolge. Ich gebe in der Folge eine kleinen Überblick über wesentliche Unterrichtstechniken aus der Perspektive meiner praktischen Er­fahrungen als Freinet-Pädagoge.

Arbeitsecken (Einrichtung des Klassenzimmers)

Das Klassenzimmer ist nicht einfach nur ein Raum. Es ist sehr entscheidend für den Unterricht, wie die Klasse eingerichtet ist, welche Möbel darin stehen, welches Material verwendet wird und wo dieses steht. Viele Regale sind notwendig, um alles übersichtlich und einladend aufzustellen. Im Klassenzimmer werden Ecken eingerichtet, wo für jede Aktivität die entsprechenden Materialien


ordentlich aufgestellt sind. So kennen wir zum Beispiel eine Druckecke, eine Spielecke, eine Leseecke, eine Rechenecke oder eine Bastelecke[1].

Gruppenbesprechungen

Diese Besprechungen sind der Mittelpunkt der täglichen Organisation.

Es werden/wird besprochen:

  • Texte, Textrechnungen, mitgebrachte Dinge, Entdeckungen, Erlebnisse, Neuigkeiten, Zeitungsberichte usw.
  • Beurteilungen und Austausch von Arbeiten.
  • Die Organisation der Klassenaktivitäten. Mit Hilfe einer Wandzeitung werden Fragen, Gratulationen, Vorschläge besprochen und Vereinbarungen getroffen. Alle Beschlüsse werden in der Gruppe demokratisch gefasst.
  • Die Organisation der Arbeit.

Bei diesen Besprechungen lernen die Kinder organisieren, argumentieren und zu berichten. Es hängt von der Organisation der Gruppe ab, ob diese Besprechungen zu einem festen Zeitpunkt stattfinden oder dann, wenn ein bestimmter Anlass dafür gegeben ist.

Tages- und Wochenpläne

Zur Einteilung der Unterrichtszeit dienen Tages- und Wochenpläne. Dabei sollen die Kinder lernen, selbständig einen Plan aufzustellen und die Arbeitsschritte zu bestimmen. Gemeinsam wird besprochen, was in der Gruppe geschieht und was die Kinder alleine tun. Dabei müssen die Kinder aufeinander Rücksicht nehmen in Bezug auf die Benützung der Arbeitsecken. Die Arbeit wird immer wieder beurteilt. Wie oft dies geschieht, hängt von der Organisation der Gruppe ab. Der Lehrer registriert die Resultate. In vielen Fällen wird er auch während des Tages bzw. während der Woche die Arbeiten im Tages- und Wochenplan abzeichnen. Es werden keine Noten gegeben. Die Registrierung der Fortschritte wird nicht nur durch den Lehrer alleine, sondern auch zusammen mit dem Kind festgestellt.

Aufträge

Viele Arbeiten werden auf die Kinder einer Gruppe verteilt. Dadurch üben die Kinder Selbstbestimmung und lernen Verantwortung zu übernehmen.

Die folgenden Aufträge werden vergeben:

  • die Arbeitsecken in Ordnung zu halten und zu kontrollieren,
  • Pflanzen und Tiere zu versorgen,
  • den Vorsitz zu führen in den Gruppenbesprechungen.

Der Ablauf der Aufträge wird in der Gruppe besprochen, meist am Ende der Woche bzw. am Ende der Auftragsperiode.

Der freie Text

In den Niederlanden wird diese Methode am häufigsten angewendet. Damit haben die Kinder die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und ihre Phantasien in die Gruppe zu bringen. Eine Möglichkeit, die Sprachentwicklung zu fördern ist, nicht nur mündlich auszudrücken, was man erlebt, fühlt, träumt, phantasiert oder denkt, sondern dies auch aufzuschreiben. Wenn sich Kinder sicher fühlen und wissen, dass sie ernst genommen werden, können sie auch sagen und aufschreiben, was sie auf dem Herzen haben.

Diese Texte können der Ausgangspunkt sein für den Unterricht: Für das Lesenlernen, das Schreiben (Schönschreiben), die Aufsatzkunde, das Recht­schreiben, das praktische Rechnen, die Kreativitätsentwicklung ...

Manche Texte werden auch vervielfältigt und verteilt.

Das natürliche Lesen

Wenn Erzählungen der Kinder aufgeschrieben werden oder über das Klassenleben geschrieben wird, können Kinder sehen und erfahren, dass die gesprochene Sprache festgelegt und immer wieder gelesen werden kann. Dies ist für Kinder die Motivation, lesen und schreiben zu lernen. Die schriftliche Sprachbeherrschung bekommt für die Kinder eine persönliche Funktion. Wichtig dabei ist auch der Briefkontakt mit anderen Schulen bzw. Kindern. Das Entziffern von Briefen und der Wunsch, selbst schriftlich zu reagieren, sind sehr motivierend.

Beim beginnenden Lesen wird im Prinzip davon ausgegangen, dass ein Text als Ganzes betrachtet wird. Darin erkennen Kinder einzelne Elemente, d.h. von Sätzen zu Wörtern, von Wörtern zu Buchstaben. Davon ausgehend kann weiter geübt werden.

Das Tagebuch

Das Tagebuch ist eine Mappe, worin jeden Tag einige Ereignisse des Tages festgehalten werden. Dies geschieht durch Fotos, Zeichnungen, Texte u. ä. Durch das Tagebuch erfahren die Kinder eine bestimmte Funktion des Schreibens, nämlich das Dokumentieren von Erlebnissen, so dass man sie auch später noch lesen kann. Gleichzeitig lernen sie, Erlebtes schriftlich auszudrücken. Das Tagebuch hilft auch bei der Zeiteinteilung. Die Kinder wissen genau, wann bestimmte Ereignisse stattfanden und können sie zurückverfolgen. Wenn die Gruppenbesprechung mit dem Bericht des vergangenen Tages beginnt, wird sehr direkt deutlich, was noch nicht fertig ist und was dafür getan werden muss.

Das freie Erforschen und Entdecken

Die Kinder haben die Möglichkeit, alles was sie finden, sehen, hören oder be­kommen, in die Gruppe einzubringen. Dies kann der Anstoß sein zu zielgerichteten Forschungen und Entdeckungen. Diese können in einem schriftlichen Bericht, einer Sammelmappe, einer Ausstellung oder ähnlichem festgehalten werden.

Um dieses weitgehend selbständige Erforschen möglich zu machen, sind folgende Dinge notwendig bzw. empfehlenswert:

  • ein Dokumentationszentrum mit viel geeignetem Material. Dazu gehören Bücher, Arbeitsmittel für den Sachunterricht, Mappen mit ausgeschnittenen Fotos und Bildern zu verschiedenen Themen, Alben, „kijkdozen“ oder von den Kindern selbstgemachte Disketten,
  • die Möglichkeit, außerhalb der Schule auf Entdeckungsreise und zu Unter­suchungen zu gehen. So kann sich das Kind in seiner eigenen Welt bewegen und orientieren.

Die kreative Arbeit

Sprache ist ein Ausdrucksmittel, das uns für den Ausdruck unserer individuellen Kreativität immer zur Verfügung stehen sollte. Kreativität ist ein Ausdrucksmittel, das uns wie die Sprache ständig zur Verfügung stehen sollte bzw. müsste. Wenn Kinder die Möglichkeit bekommen, frei zu arbeiten, lernen sie auf eine natürliche Art die Techniken unterschiedlicher Ausdrucksformen. Daneben werden auch ver­schiedene neue Techniken angeboten, damit die Kinder immer wieder neue Erfahrungen machen können. Der Lehrer muss die Kinder anregen, sich frei zu äußern.

Es ist wichtig, die Kinder darauf hinzuweisen, dass sie nicht zu schnell mit ihrer Arbeit zufrieden sein sollen und dass sie ihre Arbeit mit hilfreicher Kritik von anderen in ihrer Gruppe auch verbessern können. Die Kinder können auch selbst herausfinden, was fehlt oder wie etwas treffender dargestellt werden kann.

Freie Ausdruckskraft hat in ihrer kreativen Aktivität genau so viel Wert wie in ihrem Ergebnis. Es ist nicht die Absicht, aus den Kindern professionelle Künstler zu machen, wohl aber ausgeglichene Erwachsene, denen es möglich ist, alle Ausdrucksformen zu verstehen und zu gebrauchen als kreativer Mensch, der Verständnis und Begriffe hat für die Kultur seiner Umgebung und Zeit.

Korrespondenz

Das Austauschen von Erfahrungen, von Arbeiten und Entdeckungen ist eine sehr direkte Methode dafür, dass Kinder etwas von Gleichaltrigen lernen. Das Versandmaterial kann bestehen aus Texten, Klassen- oder Schulzeitungen, Schulinformation, anderen Drucksachen, bildnerischen Arbeiten, Alben, Kassetten- oder Videobändern, Disketten und jedes Mal auch aus einem Begleitbrief der Gruppe. Warum?

  • Die Korrespondenz stimuliert unter anderem das Lesenlernen. Ein Kind will einfach wissen, was ein anderer zu erzählen hat.
  • Der Austausch bringt neue Ideen in die Gruppe bezüglich kreativer Techniken, möglicher Projekte usw.
  • Die Kinder können selbst anderen mitteilen oder zeigen, was sie gelernt oder gemacht haben. Das stimuliert auch, die Arbeit besonders schön und deutlich zu machen.
  • Kinder wollen wissen, was gleichaltrige Kinder zu erzählen haben und werden mit anderen Ansichten und Meinungen konfrontiert. So lernen sie auch, über ihre eigene Situation nachzudenken und ihre eigene Meinung zu formulieren.

Das Drucken und Vervielfältigen

Um die Arbeiten austauschen zu können, müssen sie vervielfältigt werden. Dazu gibt es viele Möglichkeiten:

Der Text kann vervielfältigt werden mit der Druckpresse, dem Limografen, dem Matrizenapparat, dem Kopiergerät oder mit dem Printer. Mit Linolschnitt, Sieb­druck, Kartondruck und ähnlichem können die Illustrationen zum Text gedruckt werden. Der größte Vorteil (Gewinn) ist die Haltung, die die Kinder gegenüber gedruckten Texten bekommen. Das Vorurteil, dass etwas Gedrucktes auch unbedingt richtig sein muss, wird hiermit widerlegt. Die Kinder lernen, Zeitungen und Bücher als Kommunikationsmittel zu sehen. Denkbilder, die von anderen Menschen kommen, sind somit kritisierbar und widerlegbar.

Andere Vorteile des Druckens sind:

  • Das Setzen der Buchstaben hilft beim Rechtschreiben.
  • Eine Gruppe von Kindern muss zusammenarbeiten mit dem gemeinsamen Ziel, ein gutes Resultat zu bekommen.
  • Es stimuliert die Kreativität bezüglich der Einteilung und Illustration des Textes.

Die Klassenzeitung

Für den Austausch nach außen hat die Klassenzeitung einen wichtigen Stellenwert. Sie gibt mit Geschichten, Gedichten, Rechenspielen, Berichten und Interviews einen Eindruck vom Klassenleben. Die Klassenzeitung ist gedacht für andere Gruppen, andere Schulen, für Eltern und für alle im In- und Ausland, die sich dafür interessieren.

Praktisches (realistisches) Rechnen

Die Basis für das Rechnen sind Erfahrungen und konkrete Situationen, die zum Beispiel in der Gruppenbesprechung zur Sprache kamen. Bedingung für diese Art von Rechnen ist eine Rechenecke mit gut sortierten Lehrmitteln, die freies Entdecken möglich machen. Dazu gehören Waagen, Meßinstrumente, Rechen­stäbchen und anderes Material zum Experimentieren.

Die gefundenen Resultate werden in der Gruppe besprochen. Die technischen Fertigkeiten und Automatisierungsprobleme, wie zum Beispiel beim Lernen des Einmaleins, werden mit Hilfe von (selbst)korrigierbaren Karten oder bestehenden Rechenbüchern gelernt. Dem geht eine Periode von Versuch und Irrtum voraus.

Alle Arbeiten müssen für Kinder sinnvoll sein. Kinder haben das Bedürfnis, den Sinn ihrer Arbeiten zu erkennen und zu verstehen. Sie wollen auch keine Teillösungen. Es ist für sie wichtig, den vollständigen Arbeitsprozess mitzumachen.

Zusammenfassung

In dieser Darstellung meiner praktischen Arbeit als Freinet-Pädagoge habe ich die Freinet-Arbeit in ihren Grundzügen dargestellt, wie sie an „meiner“ Schule verwirklicht wird. Sie ist eine Pädagogik mit politischem Anspruch der Selb­ständigkeit und des freien Ausdruck zur Schaffung der eigenen Lebensumwelt des Schülers. In diesem Sinne kann sie niemals ein geschlossenes didaktisches System sein, sondern muss aus einem tiefen Verständnis der Grundintentionen Célestin Freinets immer wieder neu gedacht werden und der jeweiligen Schulsituation entsprechen.

Literatur

Baillet, Dietlinde, Freinet-praktisch, Beispiele und Berichte aus Sekundarschule und Grundstufe, Weinheim 1983

Dietrich, Ingrid, (Hrsg.), Politische Ziele der Freinet-Pädagogik, Weinheim 1982

Freinet, Elise, Erziehung ohne Zwang. Der Weg Célestin Freinets, Stuttgart 1981

Freinet, Célestin, pädagogische texte, Hamburg 1989

Freinet, Célestin, Die moderne französische Schule. Übersetzt und besorgt von Jörg, Hans. In: Jörg, Hans, Célestin Freinet, die Bewegung „Moderne Schule und das französische Schulwesen heute, Paderborn 1979

Freinet, Célestin, Vom Schreiben- und Lesenlernen. Die „natürliche Methode“; eine gelebte Erfahrung. In: Boehnke, Heiner, Humburg, Jürgen (Hrsg.), Schreiben kann jeder, Hamburg 1980

Hackl, Bernd, Die Arbeitsschule – Geschichte und Aktualität eines Reform­modells, Wien 1990

Hänsel, Dagmar, Handlungsspielräume. Portrait einer Freinet-Gruppe, Weinheim 1985

Jörg, Hans, (Hrsg.), Die Praxis der Freinet-Pädagogik. Übersetzung und Bearbeitung des Buches von C. Freinet: „Les Techniques de l’Ecole Moderne, Paderborn 1981

Kock, Renate (Hg.), Befreiende Volksbildung. Frühe Texte von Célestin und Elise Freinet, Bad Heilbrunn 1996

Laun, Roland, Freinet – 50 Jahre danach. Dokumente und Berichte aus drei französischen Grundschulklassen. Beispiele einer produktiven Pädagogik, Heidelberg 1983

Schöningh, Ferdinand, Freinet. Die moderne französische Schule, Paderborn 1979

Vasquez, Aida, Oury, Fernand, vorschläge für die Arbeit im klassenzimmer, die freinet-pädagogik, alternativen zum gewöhnlichen Schulleben, Hamburg 1976

Zum Autor

Jan Minnegal ist Schulleiter einer Freinet-Grundschule in Enschede (NL) und arbeitet auch noch in Freinet-Klassen seiner eigenen Schule. Er ist als Freinet-Pädagoge auch international tätig und leistet Fortbildungsarbeit und Arbeit zur Schulentwicklung. Die Schule, der Jan Minnegal vorsteht, ist nach den Vorstellungen Célestin Freinets demokratisch organisiert.

 


[1]     Ateliers (Hg.)