Einführung zur Daltonplan-Pädagogik

„Dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist in der Erziehung ebenso wahr wie anderswo. Die Methode der Organisation und des Unterrichts, wie sie Helen Parkhurst in ihrem Dalton-Plan beschreibt, bildet keine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel;“ (Percy Nunn)
Aufschlussreich für die Entwicklung des Daltonplanes sind die Ursachen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Helen Parkhurst erhielt wesentliche Anregungen für die genauere Ausgestaltung des Dalton-Planes – in der Anfangsphase „Laboratory method“ genannt – durch Maria Montessori.

Zitiert aus: Eichelberger, Harald (Hrsg.): Eine Einführung in die Daltonplan-Pädagogik. Innsbruck 2002. Studienverlag.

Einführung zur Daltonplan-Pädagogik

 

Harald Eichelberger

 

Dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist in der Erziehung ebenso wahr wie anderswo. Die Methode der Organisation und des Unterrichts, wie sie Helen Parkhurst in ihrem Dalton-Plan beschreibt, bildet keine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel;“

(Percy Nunn)

Aufschlussreich für die Entwicklung des Daltonplanes sind die Ursachen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Helen Parkhurst erhielt wesentliche Anregungen für die genauere Ausgestaltung des Dalton-Planes – in der Anfangsphase „Laboratory method“ genannt – durch Maria Montessori. Der eigentliche Ausgangspunkt der „Laboratory method“ sind die Nöte der Lehrerin, in einer einklassigen Volksschule zur gleichen Zeit mehrere Jahrgänge unterrichten zu müssen. Ein erster Schritt zur Lösung dieses Problems bestand für Helen Parkhurst in der Einrichtung so genannter „Gegenstandswinkel“ – „subject corners“. In diesen „subject corners“ fanden die Kinder didaktische Materialien, die eine freitätige Arbeitsweise erlaubten. Mit der Einrichtung dieser „subject corners“ war auch die allgemeine Fragestellung nach der Individualisierung der erzieherischen und unterrichtlichen Arbeit in den Vordergrund des Bewusstseins der Junglehrerin Helen Parkhurst gerückt. Dies geschah 1905, also zu einer Zeit, zu der John Deweys Hauptwerke noch nicht geschrieben waren. Zwar bezieht sich Helen Parkhurst immer wieder auf John Deweys Schriften[1], konkrete Antworten auf ihre spezifischen Schulprobleme sucht sie in den ersten Jahren des vorigen Jahrhunderts aber bei Maria Montessori und deren Konzept einer selbsttätigen Erziehung, auf das sich Helen Parkhurst später immer wieder fachlich berief.

Helen Parkhurst sah in ihrem Plan ein erstes Reforminstrumentarium, um für die gesamte Schule den Prozess einer „reconstruction“ einzuleiten und zweitens ein didaktisches Instrumentarium in einem exemplarischen Sinn, das überall anwendbar ist, wo die Voraussetzungen gegeben sind.[2]Daher soll hier auch der Standpunkt vertreten werden, dass mit dem Dalton-Plan ein bedeutsames Schulkonzept vorgelegt wurde, dessen Lebenskraft keineswegs auf die kurze Entwicklungsperiode in den zwanziger und dreißiger Jahren begrenzt zu sein brauchte. Der Dalton-Plan ist vielmehr nicht bloß ein historisches Kapitel der neueren Bildungsgeschichte, sondern er ist auch gegenwärtig in den verschiedenen Schulformen anwendbar, weil er noch heute empfindlich spürbare Schulschäden zu überwinden versucht. Der Dalton-Plan erfordert ein hohes Maß didaktischer Reife und Urteilsfähigkeit, soweit er pädagogisch überzeugend umgesetzt werden soll.“[3]

Die Grundabsichten ihres Konzeptes, das aus der erwähnten Ausgangssituation in jahrelanger Denkarbeit bis 1913 von Helen Parkhurst entwickelt worden war, beschreibt sie selbst folgendermaßen:

  1. „ ... Erneuerungen der Schulprozesse, so dass Kinder sowohl mehr Freiheit als auch einen Lebensraum genießen würden, der besser auf ihre Studien eingerichtet ist...“
  2. „Vor allem wollte ich die persönlichen Schwierigkeiten der Kinder überwinden und die gleiche Entwicklungsmöglichkeit für das langsame und das aufgeweckte Kind schaffen.“
  3. „1913 hatten wir den Laboratoriumsplan ausgearbeitet, so dass der Stundenplan teilweise abgeschafft werden konnte.“
  4. „1913 begannen wir, die Kinder in Gruppen einzuteilen mit einer freien Wahl der Laboratorien.“[4]

Neben der grundsätzlichen Neugestaltung der Schule ist die Individualisierung des Unterrichts die zentrale Aufgabenstellung für Helen Parkhursts Konzept, das Lernen in einem individuellen Rhythmus erlaubt. Daher scheint es folgerichtig, dass Helen Parkhurst 1914 nach Rom reist, um die Pädagogik der Selbsttätigkeit bei Maria Montessori zu studieren. In diesem Zusammenhang schreibt Hermann Röhrs, dass „erst das Prinzip Maria Montessoris, die selbstständige Lernarbeit durch ein didaktisch vorgeformtes und daher individuell stimulierendes Material zu sichern“, die Methode Helen Parkhurst zu einem pädagogischen Konzept gemacht hat, das das gesamte Schulleben zu durchdringen vermag. „So sind die assignments als didaktische Garanten der freien Arbeitsweise ebenso wie die didaktisch strukturierten Facharbeitsräume erst nach der Auseinandersetzung mit Maria Montessori möglich.[5]

Die Realisierung von Schule aus einem Lebensraum lebendig motivierten Studierens in unmittelbarer Auseinandersetzung mit den Dingen setzt das Zusammenwirken mehrer didaktischer Faktoren voraus:

  • die die selbsttätige Arbeit erst ermöglichenden assignments[6],
  • die veranschaulichenden und zur selbsttätigen Arbeit anregenden Facharbeitsräume,
  • die Rolle der Lehrerin als Anregerin und Beraterin und
  • das Eigenstudium der Schüler.

Auf Grund des notwendigen Zusammenwirkens dieser Faktoren spricht Helen Parkhurst in ihrem Dalton-Plan von einer synthetischen Zielsetzung.[7] Diese beschreibt sie in „Education on the Dalton Plan“ sehr differenziert: „Es (das Eigenstudium – Verf.) weckt in dem Kind einen Geist des Selbstvertrauens und der Initiative; dadurch beginnt sofort die Charakterbildung. Das ist Lebenserfahrung für das kleine Kind. Es lernt seiner eigenen Lebenserfahrung entsprechend zusammen mit seine Mitschülern, die alle das gleiche Abenteuer suchen. Es formt während seines Schullebens die gleichen Beziehungsarten aus, die es später im Geschäfts- oder Berufsleben antreffen wird. Es lernt, indem es versucht (He is learning by trying).“[8]

Die Sicherung der kindlichen Arbeit durch die schriftlichen Arbeitsbeschreibungen (assignments) erlaubt es dem Kind – unter beratender Mitwirkung der Lehrerin – in Facharbeitsräumen seinen Interessen und Lernschwerpunkten nachzugehen. Die assignments ermöglichen darüber hinaus ebenso die Abkehr vom klassikalen Organisationsprinzip für die Schule. Die Grundbedingung eines assignments bestimmt Helen Parkhurst wie folgt: „Die erste Bedingung eines guten assignments ist, dass es unmissverständlich geschrieben ist, nicht nur mündlich gegeben wird, dass es klar ausgedrückt ist und durch seine Gestaltung dem Kinde klar macht, wohin es geführt werden soll.“[9]

Ein weiterer wichtiger Vorteil für die individuelle Arbeit ergibt sich fast zwangsläufig aus dem Überblick über die gesamte Aufgabenstellung, der erst durch die Verschriftlichung der Aufgabenstellung möglich wird. Dadurch kann jedem Kind die seinem Leistungsstand entsprechende Arbeitsweise und sein Arbeitstempo gewährt werden. Auch „das langsamere Kind kann sich auf die wichtigsten Fragen eines Gegenstandes beschränken und an ihnen arbeiten, bis es sie durch und durch beherrscht.“[10] Die motivationale Wirkung der assignments wird noch sinnvoll ergänzt durch die didaktisch kluge Ausstattung der Facharbeitsräume. Die Kombination der assignments und der Facharbeitsräume lässt den Eindruck einer „Kinder-Universität“ durchaus als gerechtfertigt erscheinen.

Formen der Selbstkontrolle und der Selbstprüfung gehören wesenhaft zu einer selbstständigen und selbsttätigen Arbeit der Kinder in der Schule. Im Sinne des zitierten Überblick über die Arbeit der Kinder erarbeitet Helen Parkhurst Berichtformen, die es der Lehrerin und den Kindern aktuell ermöglichen, die Arbeit an den assignments zu dokumentieren. Zu den drei Berichtformen, die sie vorschlägt, schreibt sie: „Es gibt drei verschiedene Diagrammformen. Die erste ermöglicht für jeden Fachlehrer und Berater, den individuellen Fortschritt jedes Kindes zu verfolgen und ihn mit demjenigen, der anderen Klassenmitglieder zu vergleichen. Sie befähigt das Kind selber, seinen Fortschritt mit demjenigen seiner Klassenkameraden zu vergleichen. Aber Mary hat auch ihr eigenes Arbeitsdiagramm, in dem sie über ihren täglichen Fortschritt berichtet. Das dritte Diagramm zeigt dem Fortschritt der Klasse oder einer Gruppe wie auch den individuellen Fortschritt.“[11]

Gegenüber dem Dalton-Plan ist oft der Einwand erhoben worden, dass vor allem die Arbeit an den assignments in den Facharbeitsräumen eine sozial verdünnte Situation erwirke. Dieses Argument hat auch Peter Petersen dazu veranlasst, seinen Jena-Plan einen „Widerpart des Dalton-Plans“[12] zu nennen. Helen Parkhurst bezieht gegen diese Kritik klar Stellung. Als erstes Prinzip des Dalton-Planes nennt sie die Freiheit, doch schon als zweites Prinzip betont sie die Interaktion: „Der zweite Grundsatz des Dalton-Plans ist die Kooperation oder, wie ich ihn zu nennen bevorzuge, die Interaktion im Gruppenleben.[13] Sie umschreibt dieses Prinzip mit verschiedenen Wendungen, wie „social experience“, „sense of responsibility“, „socialisation“[14] und betont an anderer Stelle in ihrem Hauptwerk „Education on the Dalton Plan“: „Diese Sozialisation in der Schule, wie ich sie nenne, ist für den Erfolg des Experiments ebenso wichtig wie die Freisetzung der Kinder.“[15] Das Funktionieren dieses Prinzip erfährt auch immer wieder eine Bestätigung durch die Pädagogen, die den Dalton-Plan „schulerneuernd“ und „schulentwickelnd“ in die Praxis umsetzen: C. W. Krimmins und Belle Rennie, die neben A. J. Lynch die Dalton-Plan-Bewegung in England initiiert haben, schreiben: „Die Schule wird – sobald sie nach dem Dalton-Plan organisiert ist – eine soziale Gemeinschaft, die nicht nur auf das Leben vorbereitet, sonder selbst Leben ist.[16] In diesem Werk wird der Dalton-Plan als ein Schulmodell verstanden, dessen entscheidende pädagogische Kriterien die Individualisierung der Schularbeit und soziale Fundierung des Schullebens sind. Auch die Praxis der Dalton-Plan Schulen in den Niederlanden zeigt die Betonung der Sozialisationsfaktoren in einer modernen Anwendung des Planes Helen Parkhursts.

Für Herrmann Röhrs ist der Dalton-Plan eine Chance, „die Schule so zu erneuern, dass aus der bloßen Lernarbeit ein selbst verantwortetes Studieren wird, dessen Methode in entwicklungsspezifischer Weise einsichtig bleibt“ und stellt ebenso ein „pädagogisches Faszinosum“ dar, das in seinem ganzen Ausmaß überhaupt noch nicht ins Auge gefasst und erprobt wurde.[17] Moderne Schulentwicklungsarbeit in den USA bietet in diesem Sinne durchaus erstaunliche Perspektiven des Dalton-Plans: ... „as Lawrence A. Cremin suggests, four dominant themes present throughout the movement:

  1. 1.      a broadening of the school to include a direct concern
    for health, vocation, and the quality for community life;

  2. 2.      the application in the classroom of more humane, more
    active, and more rational pedagogical techniques derived
    from research in philosophy, psychology, and the social
    sciences;

  3. 3.      the tailoring of instruction more directly to the different
    kinds and classes of children who were being brought
    within the purview of school; …

  4. and finally, the use of more systematic and rational
    approaches to the administration and management of the
    schools
    .[18]

Schulentwicklung und Schulerneuerung nach dem Dalton-Plan sind Inhalt eines noch neuen, ziemlich kurzen aber umso interessanteren Kapitels in der österreichischen Schulgeschichte. Wichtige Beispiele dieser Entwicklungen sind in diesem Buch nachzulesen. Sie alle haben wesentliche Anregungen erfahren durch die Aus- und Fortbildungsveranstaltungen zur Reformpädagogik an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Wien. Dieses Buch bietet durch die Darstellung des Dalton-Planes in Form eines Studientextes die pädagogischen Grundlagen für Schulerneuerung und Schulentwicklung und die illustrierenden Beispiele engeagierter Pädagoginnen und Pädagogen. Dabei kommt dem Dalton-Plan für eine pädagogische fundierte Reform des Sekundarschulewesens eine entscheidende Bedeutung zu: Er ist nicht nur ein notwendiges didaktisches System, er stellt nicht nur eine methodische Struktur dar, sondern er ist – wie andere „Pläne“ auch – für die jeweilige Schule adaptierbar, er ist selbst entwickelbar. Für die engagierten Pädagoginnen und Pädagogen, die sich mit dem Plan Helen Parkhursts auseinandersetzen, wird dieser (selbst)verständlich und wird einsichtig als „a way of life, a way of lifelong learning“.

 

[1]             Auch wenn sich Helen Parkhurst hinsichtlich der Fundierung ihres „Planes“ auf John Dewey beruft, so finden sich die überzeugten Anhänger des Daltonismus anfangs in England und nicht in den USA.

[2]             Vgl. dazu: Röhrs, Hermann, Die Reformpädagogik. Ursprung und Verlauf unter internationalem Aspekt. 8. Auflage 1998, Deutscher Studien Verlag, S. 89.

[3]             Röhrs, Hermann, Die Reformpädagogik. ... S. 89.

[4]             Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 13.

[5]             Röhrs, Hermann, Die Reformpädagogik. ... S. 90.

[6]             Assignment – schriftliche Arbeitsanweisung.

[7]             Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 29.

[8]             Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 33.

[9]             Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 58.

[10]           Dewey, Evelyn, The Dalton-Laboratory-Plan. New York 1922, S. 8.

[11]           Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 44.

[12]           Petersen, Peter (Hg.), Die Praxis der Schulen nach dem Jena-Plan. Weimar 1934, S. 81.

[13]           Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 19.

[14]           Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 19.

[15]           Parkhurst, Helen, Education on the Dalton-Plan. New York 1926, 4. Auflage, S. 46.

[16]           C. W. Krimmines, Belle Rennie, The Triumph of the Dalton-Plan. London o. J., S. 100.

[17]           Röhrs, Hermann, Die Reformpädagogik. Ursprung und Verlauf unter internationalem Aspekt. 8. Auflage 1998, Deutscher Studien Verlag, S. 97.

[18]           Cremin, Lawrence, A., American Education: The Metropolitan Experience, New York 1988. In: Semel, Susan F., The Dalton School. New York 1992, S. 9.